Flusslauf - Episode 1
by Chase Caldwell
Der Holzboden knarrt und meine Augen öffnen sich.
Es ist Morgen.
Ich liege mit meinem Freund Will im Bett.
Doch wir sind nicht alleine.
Eine Fremde starrt mich von der Tür aus an.
Ich spüre, wie sich mein Körper anspannt.
Sie ist so alt wie ich.
Unter ihren Augen sind große Tränensäcke …
Und in ihrer Hand ist ein Messer.
Ich greife nach dem Rand meiner Matratze.
Will!
Ich schüttele ihn und er wird wach.
Hm!?
Was geht hier vor?
Die Fremde grinst und kommt näher.
Guten Morgen, Will.
Ich sehe, wie Wills Gesicht erbleicht, als ihre Stimme ertönt.
Jenna, was machst du hier?
Sie nähert sich unserem Bett.
Du hast mich verlassen, Will.
Du bist verschwunden.
Will und ich weichen zum Kopfende des Betts zurück.
Sie zieht das Messer über unser Laken.
Wofür ist das Messer, Jenna?
Ich dachte, du wärst der Richtige.
Das dachte ich wirklich.
Will, wer ist das?
Will geht zwischen die Frau und mich.
Dann nimmt er meine Hand.
Wir waren einmal ein Paar.
Alles wird gut.
Ich beschütze dich.
Jenna lacht.
Er ist sehr beruhigend, nicht wahr?
Meine Mutter liebte ihn.
Mein Vater auch.
Jenna, es tut mir leid.
Ich hätte dich nicht auf diese Weise verlassen sollen.
Du bist verschwunden!
Simsalabim!
Ich wusste nicht einmal, ob du noch lebst.
Ob du mich geliebt oder gehasst hast.
Jenna kommen Tränen.
Ich sehe, wie sie das Messer fester drückt.
Tu nichts Unüberlegtes, Jenna
So jemand bist du nicht.
Sag mir nicht, wer ich bin!
Du hast mich zu dem gemacht, was ich bin!
Jenna greift in ihre Gesäßtasche.
Sie zieht zwei Handschellen hervor und wirft sie uns zu.
Legt die an.
Wir machen eine Spritztour.
20 Minuten später
Reifen quietschen und ich schlage gegen hartes Metall.
Kurz darauf rollt Will in mich hinein.
Ich versuche, den Schmerz herauszuschreien, doch das Klebeband über meinem Mund verhindert das.
Wir sind in Jennas Kofferraum.
Ihr Motor dröhnt, während sie willkürlich die Straße entlang fährt.
Will rollt sich von mir ab.
Sein Mund ist ebenfalls zugeklebt.
Doch seine Augen sind von Reue erfüllt.
Wie hätte er das vorhersagen können?
Wie hätte er wissen können, wozu dieses Mädchen fähig ist?
Ich nehme seine Hand und nicke.
Ich weiß nicht, wie wir uns aus dieser Situation befreien werden.
Aber das werden wir.
Ein stechender Schmerz schießt durch meinen Arm.
Ich schaue auf die Handschellen, die sich in meine Haut eingraben.
Winzige Bluttropfen perlen von ihnen ab.
Will bemerkt das ebenfalls …
Und es macht ihn wahnsinnig.
Er atmet tief ein.
Und tritt dann mit aller Kraft gegen die Heckklappe.
Sie öffnet sich nicht, aber sie bewegt sich gerade genug, um ihn zu ermutigen.
Er tritt wütend mit den Füßen dagegen –
Bei jedem Tritt bewegt sie sich ein kleines Bisschen mehr.
Ich mache mit.
Vor und zurück.
Immer und immer wieder.
Bis sich meine Beine fast taub anfühlen.
Will landet einen heftigen Tritt.
Und von außen scheint ein wenig Licht hinein.
Es besteht Hoffnung.
Wir machen weiter.
Doch dann …
Hält das Auto an.
Der Motor geht aus.
Und ich höre eine Tür zuschlagen.
Will und ich blicken uns nervös an und dann …
Öffnet sich der Kofferraum.
Jenna steht über uns.
Sie greift nach unten und reißt uns das Klebeband vom Mund.
Raus.
5 Minuten später
Will und ich stehen am Rande einer Brücke.
Ich reibe meine Handgelenke an der Stelle, wo einst die Handschellen waren.
Jenna steht hinter uns mit dem Messer in der Hand.
50 Meter unter uns fließt das tosende Wasser des Flusses.
Bitte tu das nicht.
Ich will nicht sterben.
Bitte.
Tut mir leid, Schätzchen.
Ich weiß, dass das etwas zwischen mir und deinem Mann ist.
Aber es darf keine Zeugen geben.
Sie klopft mir auf die Schulter.
Das verstehst du doch, nicht wahr?
Tränen kullern mir über die Wange.
Jenna, lass uns einfach darüber reden, okay?
Oh, jetzt willst du reden?
Habe ich endlich deine Aufmerksamkeit?
Dann lass uns reden.
Gleich wird dein Körper 50 Meter tief ins Wasser stürzen.
Solltest du den Aufprall überleben …
Was äußerst unwahrscheinlich ist …
Wirst du zwei Kilometer nach Süden getragen und in eine Wasseraufbereitungsanlage gesaugt.
Sie lacht.
Dort wird es unschön.
Ich drücke meine Augen zu.
Bitte lass dies nicht das Ende sein.
Dann lass sie gehen.
Lass Kallie einfach gehen.
Sie kennt dich nicht.
Sie wird nichts sagen.
Nicht wahr, Kallie?
Ich nicke nervös.
Will sieht mir in die Augen und für einen kurzen Augenblick fühle ich mich beinahe sicher.
Du bist so süß, wenn du nur willst.
Aber ich kann kein Wort glauben, das du sagst.
Als du mir letztes Jahr gesagt hast, dass du mich liebst, dachte ich, du meinst es ernst!
Bei diesen Worten bleibt mir das Herz stehen.
Die Zeit verlangsamt sich.
Und ich wende mich Jenna zu.
Letztes Jahr?
Jenna sieht mich fragend an.
Ja.
Warum?
Hör nicht auf sie, Kallie.
Sie ist eine Psychopathin.
Warst du letztes Jahr mit ihr zusammen, Will?
Nein!
Sie lügt!
Sieh sie dir an!
Sie ist verrückt!
Warum sollte sie darüber lügen?
Hast du mich betrogen, Will?
Nein!
Lüg nicht!
Wag es ja nicht, mich in dieser Situation anzulügen!
Ich starre Will an.
Und schließlich gibt er unter dem Druck des Augenblicks nach.
Okay.
Es tut mir leid, Kallie.
Es hatte keine Bedeutung.
Das schwöre ich.
Wie konntest du mir das antun?
Uns?
Wir sind seit fünf Jahren zusammen, Will.
Ich weiß!
Vergib mir.
Bitte –
Ehe ich mich versehe, zucken meine Hände nach vorne …
Und stoßen gegen Will. Heftig.
Er fliegt von der Brücke.
Seine Schreie hallen kaskadenartig auf dem Weg nach unten.
Sie verschwinden mit einem einzigen Platschen ...
Und er auch.
Ich beobachte einen Moment lang, wie das Wasser weiter tobt.
Fünf Jahre …
Mir kommen Tränen in den Augen.
Doch sie kullern nicht herab.
Ich blicke zu Jenna.
Und ihr Verhalten ändert sich völlig.
Sie wird sanft.
Das tut mir unheimlich leid.
Wirklich.
Ich wusste nicht, dass er damals mit dir zusammen war.
Das schwöre ich.
Das Tragweite meiner Tat überkommt mich schließlich.
Ich breche zusammen.
Ist in Ordnung.
Es ist nicht deine Schuld.
Sie legt eine Hand auf meine Schulter.
Er hat dich dazu gebracht.
Er –
Im Bruchteil einer Sekunde reiße ich ihr das Messer aus der freien Hand und stoße es ihr in den Bauch.
Sie schnappt nach Luft …
Und ihre Haut wird bleich.
Du hast recht, Jenna.
Es war seine Schuld.
Ich drücke das Messer tiefer in sie hinein.
Und ziehe sie zu mir.
Um meine Faust herum quellt Blut.
Aber wie du schon sagtest …
Dann stoße ich Jenna mit all meiner Kraft über die Kante.
Und ihr Körper stürzt in das darunterliegende Chaos.
Es darf keine Zeugen geben.
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